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Hört auf, zu glauben, und fangt an, zu vermuten!

Wir Menschen tragen ein evolutionäres Erbe mit uns herum, das es uns mitunter schwer macht, gute Entscheidungen zu treffen. Dabei haben wir eigentlich alles in unserem Kopf, was wir dafür brauchen: ein enorm leistungsfähiges Gehirn, das in der Natur einzigartig ist und nicht umsonst als komplexestes Objekt im bekannten Universum bezeichnet wird. Je mehr wir über künstliche Intelligenz lernen, umso mehr verstehen wir, wie wunderbar, effizient und leistungsfähig unser Denkorgan ist. Das Problem ist nur, dass wir dieses fantastische Problemlösungsinstrument oftmals gar nicht benutzen, jedenfalls nicht so, wie wir es benutzen könnten.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann beschreibt in seinem überaus erhellenden Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ zwei unterschiedliche Arten, unser Gehirn zu benutzen. Das „schnelle Denken“ geschieht oft unbewusst, wir reagieren dabei auf Impulse und Gefühle, quasi Abkürzungen, die uns sehr schnell zu einer Entscheidung führen. Demgegenüber steht das eher mühselige „langsame Denken“, bei dem wir eine Situation Schritt für Schritt analysieren und unsere Reaktion planen.

Beides hat seine Berechtigung. In einer Gefahrensituation bleibt nicht die Zeit, lange zu analysieren – man muss blitzschnell reagieren. Das intuitive „schnelle Denken“, auch „Bauchgefühl“ genannt, ist oft erstaunlich gut in der Lage, komplizierte Situationen korrekt einzuschätzen, und ermöglicht es uns so, intuitive Entscheidungen zu treffen. Diese erweisen sich häufig im Nachhinein als richtig, obwohl wir sie nicht genau erklären können.

Allerdings gibt es in unserer modernen Welt immer mehr Entscheidungen, bei denen uns die Abkürzungen des schnellen Denkens in die Irre führen. Das geht bei der Frage los, was wir zum Mittag essen sollten, und endet noch längst nicht bei der Entscheidung, welches Auto wir kaufen und welcher Partei wir bei der nächsten Bundestagswahl unsere Stimme geben. Dabei sind dies keineswegs Entscheidungen unter Zeitdruck, für die wir dringend „schnelles Denken“ bräuchten. Trotzdem treffen wir solche Entscheidungen sehr oft impulsiv, ohne lange darüber nachzudenken. Wenn wir überhaupt rationale Argumente dafür suchen, dann oft erst im Nachhinein, um unsere bereits getroffene Entscheidung zu rechtfertigen. Marketingfachleute und Politiker wissen das und nutzen deshalb gezielt die Tricks des „Neuromarketings“, um unser schnelles Denken zu manipulieren.

Besonders tückisch am „schnellen Denken“ ist, dass wir dabei die Annahmen für unsere Bauchentscheidungen nicht hinterfragen – sie sind uns oft nicht einmal bewusst. Das ist bei Blitzreaktionen in Notlagen auch weder notwendig noch sinnvoll. Wenn wir jedoch Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft oder gar die der ganzen Menschheit betreffen, kann das fatal werden.

Die Coronakrise zeigt das Problem gerade in erschreckender Deutlichkeit. Während in der Frühphase der Pandemie Länder wie Italien und Spanien noch „kalt erwischt“ wurden, konnten sich die meisten anderen Länder anhand dieser Fallbeispiele und der medizinischen Fakten auf die Situation einstellen. Dabei zeigten sich sehr deutliche Unterschiede zwischen rational handelnden Regierungen und von impulsiven Egomanen geführten Staaten wie Brasilien und den USA. Trump, Bolsonaro und andere haben die Krise schlicht nicht wahrhaben wollen und kurzsichtig beschlossen, sie einfach zu ignorieren. In den USA ist, befeuert durch einen Präsidenten, der sich immer mehr aufführt wie ein wütender Vierjähriger, ein regelrechter Kulturkampf zwischen Maskenträgern und Maskenverweigerern ausgebrochen.

Beide Seiten glauben dabei, zu wissen, was richtig und was falsch ist. Und genau hier liegt das Problem. Wer etwas glaubt, stellt es nicht infrage. Das mag in religiösen Fragen noch vertretbar sein, wenngleich ich mir von den Religionsführern das Eingeständnis wünschen würde, dass alles, was die verschiedenen Religionen über Gott oder die Götter zu wissen glauben, mangels überprüfbarer Fakten nur Vermutungen sein können – das würde vielleicht die Toleranz der Religionen untereinander erhöhen.

Sobald wir es jedoch mit der Wirklichkeit zu tun bekommen, zeigt sich sehr schnell, dass ein falscher Glaube dramatische Konsequenzen haben kann. In den USA sind bereits über 130.000 Menschen gestorben, pro Kopf der Bevölkerung fast viermal so viele wie in Deutschland. Dabei nimmt die Pandemie dort gerade erst richtig Fahrt auf. Allein in den letzten vier Tagen wurden in den USA mehr neue Infektionen gemeldet als in Deutschland insgesamt seit Ausbruch der Krise.

Irren ist menschlich. Gegen alle Fakten an einem Irrtum festzuhalten und dadurch Menschenleben zu gefährden ist unmenschlich. Genau hier liegt der Unterschied zwischen „Glauben“ und „Vermuten“: Wer etwas vermutet, gibt offen zu, dass er die Wahrheit nicht genau kennt. Er ist bereit, seine Meinung zu ändern, sobald sich neue Erkenntnisse ergeben. Dies ist das wissenschaftliche Prinzip: Jede Theorie ist nur solange vernünftig, bis sie jemand widerlegt, und genau diese Widerlegung herkömmlicher Theorien ist es, die wissenschaftlichen Fortschritt definiert.

 

Wer dagegen etwas glaubt, wird womöglich an diesem Glauben festhalten und gegenteilige Hinweise entweder ignorieren oder, wie Trump, als „Fake News“ verunglimpfen. Leider zahlt den Preis für diese Ignoranz oftmals nicht derjenige, der den Fehler begeht, sondern im Fall von Covid-19 Millionen Unbeteiligte.

Vermutungen sind stets mit einer Wahrscheinlichkeit behaftet, auch wenn man diese nicht immer genau quantifizieren kann. Diese Wahrscheinlichkeit ändert sich mit neuen Erkenntnissen. In der Anfangsphase der Covid-19-Pandemie wussten wir noch nicht viel über das Ausmaß der Krise, die Lethalität des Erregers und die besten Maßnahmen zur Eindämmung. Heute können wir anhand vielfältiger Erfahrungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vermuten, dass zum Beispiel das Tragen von Gesichtsmasken in der Öffentlichkeit eine sinnvolle Maßnahme ist, weil den relativ geringen Kosten ein hoher Nutzeneffekt gegenübersteht. Man kann und darf diese Erkenntnis anzweifeln, muss dann aber neue, überzeugende Belege dafür erbringen, um die Wahrscheinlichkeit der Vermutung „Masken sind notwendig und sinnvoll“ zu reduzieren.

Wer stattdessen einfach nicht glaubt, dass Masken sinnvoll sind, und sich deshalb nicht an die entsprechenden Empfehlungen hält oder gar andere ermutigt, das ebenfalls nicht zu tun, verhält sich nicht nur irrational; er verletzt darüber hinaus potenziell das Recht anderer Menschen auf körperliche Unversehrtheit und riskiert damit fahrlässige Körperverletzung, schlimmstenfalls mit Todesfolge.

 

Ähnliches gilt für die Risiken künstlicher Intelligenz: Auch hier scheint es manchmal mehr eine Glaubensfrage zu sein, ob man in KI Segen oder Fluch sieht. Dabei ist jede Technologie beides. Es wäre hilfreich, wenn wir weniger glauben und mehr vermuten würden, welche Chancen und Risiken die Zukunft für uns bereithält.


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Kommentare: 2
  • #1

    Heinrich (Donnerstag, 16 Juli 2020 21:25)

    Danke Karl,
    Wieder einmal ein hochinteressanter Artikel!
    Ich glaube immer, dass ich standhaft bin, vermute aber, dass mich das Neuromarketing auch schon mal überlistet hat.
    Gruß Heinrich

    P.S. was ich über die Pandemie, Trump und Konsorten denke, darf ich nicht öffentlich schreiben. ;)

  • #2

    Karl Olsberg (Freitag, 17 Juli 2020 10:54)

    @Heinrich: Gut auf den Punkt gebracht!